Samstag, 11. September 2010

Vergangenheit

Heute holte mich irgendwie die Vergangenheit ein – gleich zweimal, und ich berichte hier:

Es war Krieg, es war Sylvester, es feierten Emilie und Johannes mit den Nachbarn, die man im Luftschutzkeller kennen und mögen gelernt hatten, es waren die Familien Bechmann, UFA-Direktor, Schneider, Juwelier – Geschäft im Alten Rathaus zu Leipzig, ganz rechts an der Ecke, das heute noch unter gleichem Namen existiert, sowie die Reichenbachs, Prof. (er) und (sie) Dr. /Zahnmedizin. Und ich armes Kind durfte den Jahreswechsel im Bett verbringen. Wohlgemerkt in Emilies Bett im Elternschlafzimmer, ich sehe mich dort noch heute. Denn Heino Schneider brachte mir ein Marzipanschwein. Das war in jener Zeit sensationell, schließlich war Krieg und es gab eigentlich gar nichts.

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Und heute sah ich die Aufzeichnung der SOKO Leipzig von gestern an: der Überfall fand in Schneiders Geschäft statt. Unverkennbar… Im Keller dieses Ladens habe ich oft mit Inge Schneider Weihnachtsgeschenke hergestellt. Ich durfte Kacheln bemalen, die hinterher gebrannt wurden.

Viele, viele Jahre später, der Krieg war glücklicherweise schon lange vorüber, unsere Familie bereits wieder im „goldenen“ Westen beheimatet, zog es mich ins Ausland. Beruflich. Es war uns ja viele Jahre verwehrt, das Gebiet der damaligen „Zone“ zu verlassen, und ich hatte das verstärkte Bedürfnis, Grenzen zu überschreiten. Also suchte ich nach Aufenthalten in England, Frankreich und auch Deutschland  einen Arbeitsplatz in Zürich, den ich auch fand. Ein Jahr war ich dort – mehr oder weniger gerne. Derweil hatte Emilie bei einem Aufenthalt auf Ibiza (man schrieb das Jahr 1960) die Familie Heidenreich kennen gelernt, die mir die Möglichkeit eröffnete,  mich bei Euratom erfolgreich zu bewerben. Frau Heidenreich wiederum war die Schwester des gestern verstorbenen Eberhard von Brauchitsch.  Kurz bevor ich Zürich also in Richtung Brüssel verlassen wollte, wurde mir die Bitte übermittelt, für Herrn von Brauchitsch 2 Flugzeigreifen mit nach Deutschland zu bringen. Gesagt – getan, es war gar nicht so schwierig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich besorgte diese Reifen, brachte sie in meinem winzigen
(http://lecruchon2.free.fr/1959_renault_4cv_export/1959_renault_4cv_Export_01.jpg)
Renault 4 CV unter plus meinen gesamten Habseligkeiten und brach nach Deutschland auf. Dort wurde ich von besagtem Herrn angerufen, er wolle seinen Fahrer schicken, sowie dem Scheck für die entstandenen Kosten und verabschiedete sich höflich „Vielen Dank, gnädiges Fräulein.“ Nun ist er tot mitsamt seiner Frau.

Das Interessante an der ganzen Geschichte jedoch ist, dass - kaum in Brüssel angekommen und noch gar nicht eingelebt, ich eine Einladung zu einer Party bekam. Auf dieser Party lernte ich meinen späteren Ehemann und Vater meiner Töchter kennen. Von da an gingen wir etliche Jahre gemeinsame Wege, die nach kurzer Zeit nach Italien führten.

Manches was dort geschah, habe ich hier bereits notiert. Und wäre die Großmutter nicht nach Ibiza gereist, hätte die Heidenreichs nicht getroffen, ich bei der Bewerbung keinen Erfolg gehalbt hätte, für wen würde ich heute hier schreiben????



Zwei dieser Töchter und Mutze sind heute im Odenwald  und ich hoffe auf gute Nachricht von Ihnen. Es ist ein bedeutender Tag für Mutze, sie wird für den ersten Preis in einem Schriftstellerwettbewerb in ihrer Altersklasse geehrt. Glückwunsch, meine Süsse. Das hast Du toll gemacht, und kommt bitte heil aus dem finsteren Wald wieder.


Es grüßt Klara